Kiel (KNA) Um Europas Sicherheit gegen russische Aggressionen zu schützen, muss sich nach Ansicht von Diplomaten vielerorts auch die Mentalität der Bevölkerung ändern. So erklärten sich in Estland jährlich über 70 Prozent der erwachsenen Bevölkerung bereit, ihr Land bei einem Angriff auc ...
Kiel (KNA) Um Europas Sicherheit gegen russische Aggressionen zu schützen, muss sich nach Ansicht von Diplomaten vielerorts auch die Mentalität der Bevölkerung ändern. So erklärten sich in Estland jährlich über 70 Prozent der erwachsenen Bevölkerung bereit, ihr Land bei einem Angriff auch persönlich mit der Waffe zu verteidigen, berichtete Außenminister Margus Tsakhna bei einer internationalen Sicherheitskonferenz am Freitag in Kiel. Andernorts sehe er das nicht.
In Deutschland hingegen gebe es zwar das Bewusstsein einer Bedrohung, aber auch die Meinung, irgendjemand werde sich schon darum kümmern, bestätigte der Vorsitzende des Bundestagsverteidigungsausschusses, Thomas Röwekamp (CDU). Die größte Herausforderung sei es, im Land eine gemeinsame Sicht zu schaffen "auf das, was zu tun ist, und die Bereitschaft, das dann auch zu tun". Finnlands Botschafter in Berlin, Kai Sauer, bestätigte die Notwendigkeit eines Bewusstseinswandels: "Die Bevölkerung muss aus der Komfortzone raus." In Finnland und im Baltikum, die eine Grenze mit Russland teilen, sei das weniger ein Problem als in anderen Ländern.
Angesichts der schon länger laufenden hybriden Kriegsführung Russlands gegen westliche Staaten sind darüber hinaus deutlich mehr militärische und strategische Kooperation sowie Aufrüstung nötig, so die durchgehende Einschätzung europäischer Diplomaten und Militärs bei der 5. Kiel Security Conference. Organisiert wurde diese von der Konrad-Adenauer-Stiftung und dem britischen International Institute for Strategic Studies.
Berlins Außenminister Johann Wadephul (CDU) räumte ein: "Die meisten europäischen Staaten, auch Deutschland, waren taub gegenüber den baltischen Warnungen seit 2014." Und schon vor Donald Trump hätten US-Regierungen gemahnt, "aber wir haben das nicht gehört", so Wadephul. Russland betrachte die Ostsee inzwischen als ein Gefechtsfeld mit Spionage, Drohnen, einer Schattenflotte und gefährlichen Schiffsbegegnungen, so der Wadephul.
Deutschland sei in Sachen Verteidigungsbereitschaft "noch nicht dort, wo wir sein wollen, aber wir bewegen uns dorthin". Man sei aber bereit, innerhalb Europas hier eine Führungsrolle zu übernehmen. Wadephuls Amtskolleginnen Thorgerdur Katrin Gunnarsdottir aus Island und Oana-Silvia Toiu aus Rumänien begrüßten die Ankündigung. Beide mahnten zudem an, die Perspektive von der Ostsee auch auf das Schwarze Meer, den Nordatlantik und das Polarmeer zu weiten. Toiu betonte zusätzlich den "Schutz von Wahrheit" gegenüber Fake News und Propaganda, in den demokratische Staaten investieren müssten.
Die ehemalige ukrainische Parlamentsabgeordnete und Aktivistin Lesya Orobets warb für eine größere Sicherheitspartnerschaft mit der Ukraine. "Wir haben unsere Schwächen in unsere Stärken verwandelt", sagte sie. Ohne große Schiffe im Schwarzen Meer habe das Land die russische Marine dort mit Drohnen bis an die Ost- und Südküste verdrängt.
Gleichzeitig mahnte Orobets Europas Streitkräfte, attraktiver zu werden für die fähigsten Ingenieure und Programmierer ihrer Länder. In Russland, China und dem Iran sei das der Fall. Zugleich dankte sie Deutschland als "größtem Unterstützer" der Ukraine. "Unsere Kinder und Enkel werden Ihnen das danken!"