Vatikanstadt (KNA) Beim Konsistorium im Vatikan dominierte offenbar eine kulturpessimistische Sicht der Kardinäle auf die Gegenwart - verbunden mit der Hoffnung auf eine neue, konstruktive Rolle der Christen. Dies geht aus einem am Samstag vom vatikanischen Presseamt verbreiteten Zwischenberich ...
Vatikanstadt (KNA) Beim Konsistorium im Vatikan dominierte offenbar eine kulturpessimistische Sicht der Kardinäle auf die Gegenwart - verbunden mit der Hoffnung auf eine neue, konstruktive Rolle der Christen. Dies geht aus einem am Samstag vom vatikanischen Presseamt verbreiteten Zwischenbericht hervor. Demnach stand auch in der dritten von vier Beratungsrunden bei den etwa 180 im Vatikan versammelten Kardinälen das "Nachdenken über eine Deutung der tiefen Risse unserer Zeit" im Vordergrund.
Diese Risse beträfen Völker, Nationen, Gesellschaften und Familien. Sie erzeugten Verletzungen unter den Jugendlichen, denen ein Sinn für das Neue fehle, und unter den Erwachsenen, denen die Weisheit des Alters abgehe. Viele von den Kardinälen vorgetragenen Berichte hätten von einem gefährlichen Sinn-Vakuum und dem Fehlen von Beziehungen und von Identität gesprochen.
Dies führe unter anderem zu einem Denken in Stammeszugehörigkeiten (Tribalismus). Alle Arbeitsgruppen hätten zudem die Gefahren eines bis zum Äußersten ausgereizten Individualismus hervorgehoben. Er vermittle die Illusion, dass die Anderen nur zum Zweck unseres eigenen Erfolgs existieren.
Überwiegend kritisch fiel auch die Beschreibung der Folgen Künstlicher Intelligenz aus. Sie wurde von den Kardinälen als "Herausforderung" an das christliche Menschenbild benannt. Dieses setze voraus, dass Lebewesen beim Namen genannt und nicht auf Zahlen oder statistische Häufigkeiten reduziert werden.
Zu dieser Anthropologie gehöre auch das Akzeptieren der menschlichen Begrenztheit, die von der KI tendenziell geleugnet werde. Als Gegenmittel zum Individualismus und zu den genannten Brüchen sehen die Kardinäle in ihren Beiträgen die Botschaft des Evangeliums und "eine Kirche, die einen Sinn der Zugehörigkeit vermittelt" und die "in der Lage ist, die Wunden unserer Zeit zu lindern".
Diese Kirche müsse "erneuert sein und Formen des Integralismus sowie Polarisierungen vermeiden." Dann könne sie ihr Gesicht als guter Samariter zeigen. Die Christen dürften den gegenwärtigen "sozialen Zusammenbruch nicht bloß als Zuschauer verfolgen", sondern müssten als "weise Architekten" am Aufbau eines neuen Gemeinwesens für alle mitwirken.
Grundlage der Debatten war die Enzyklika "Magnifica humanitas", die Papst Leo XIV. rund sechs Wochen zuvor veröffentlicht hatte. Viele Kardinäle griffen Denkweisen und Begriffe aus dem Lehrschreiben auf und folgten den Analysen des Papstes.
Der südafrikanische Kardinal Stephen Brislin hatte am Samstagmorgen in seinem Einführungsreferat betont, die Enzyklika zeichne sich durch eine "tiefe Kohärenz" aus. Sie vertraue der Kirche die Aufgabe an, sich auf ihre ganz eigene, Gemeinschaft fördernde und Hoffnung vermittelnde, Weise in den Kämpfen der Geschichte zu engagieren.