Mannheim (KNA) Der regelmäßige Griff zum Smartphone trägt nach Meinung der Heidelberger Religionswissenschaftlerin Inken Prohl Züge eines religiösen Rituals. "Schätzungen zufolge führen wir täglich etwa 200 Wischbewegungen auf unseren Geräten aus. Für viele Menschen ist der erste Griff ...
Mannheim (KNA) Der regelmäßige Griff zum Smartphone trägt nach Meinung der Heidelberger Religionswissenschaftlerin Inken Prohl Züge eines religiösen Rituals. "Schätzungen zufolge führen wir täglich etwa 200 Wischbewegungen auf unseren Geräten aus. Für viele Menschen ist der erste Griff am Morgen das Handy, ein Essen ohne Blick aufs Display ist selten", sagte Prohl in einem am Donnerstag im "Mannheimer Morgen" veröffentlichten Interview.
Dazu komme die regelmäßige Nutzung von Chatbots wie ChatGPT. "Interfaces sind so gestaltet - Farben, Haptik, Blickführung -, dass sie Verhalten strukturieren. Die Bildsprache verstärkt das: Googelt man 'Künstliche Intelligenz', dominieren blaue Bilder, Gehirne, leuchtende Netzwerke, Anspielungen auf Michelangelos 'Erschaffung Adams'", erläuterte die Forscherin. "Dieses Blau steht seit dem 19. Jahrhundert für Seriosität und Wissenschaftlichkeit."
Was die Debatten um Künstliche Intelligenz anbelange, würden in Zukunftsmuseen Räume inszeniert, in denen eine "Heilskraft" der KI beschworen werde. "Offiziell geht es um kritische Debatten, in der Inszenierung aber wird KI oft mystifiziert. Das ist Performance mit stark religionsähnlichen Elementen", gab Prohl zu bedenken.
Auch die Zukunftsvisionen der Tech-Eliten, die etwa die Segnungen der KI propagierten, besäßen Anklänge an die Sphäre des Religiösen, so die Expertin. "Wenn wir Religion als Ordnungsvorstellungen und Zukunftsvisionen verstehen, die auf nicht überprüfbaren Annahmen beruhen und mit starken Bildern, Ritualen und Symbolen verknüpft sind, dann sind wir bei vielen Tech-Narrativen im religiösen Bereich. Wenn etwa in diesen Kreisen von kosmischem Bewusstsein und Superintelligenz die Rede ist, ist das kein technisches Vokabular. Es sind Glaubenssätze über die Zukunft, die wir nicht überprüfen können - gerade das macht sie religionsähnlich."
Wie früher "religiöse Profis" versuchten heute Tech-Eliten, Sicherheit in Bezug auf eine unbekannte Zukunft zu vermitteln - etwa mit der Verheißung, eine künstliche Superintelligenz werde alle Probleme lösen, fügte Prohl hinzu. "Das beruhigt, bündelt Hoffnungen und legitimiert enorme Investitionen."
Die Wissenschaftlerin warnte davor, dass religiös strukturierte Zukunftserzählungen im Tech-Bereich die Demokratie gefährden könnten. "Religionen neigen dazu, Aspekte der sozialen Wirklichkeit auszublenden, wenn sie starke Heilsgewissheit bieten. Wenn KI oder Superintelligenz als allwissende Problemlöserin imaginiert werden, kann das die Bereitschaft mindern, sich politisch mit realen Konflikten auseinanderzusetzen", erläuterte Prohl. "Wo religiös strukturierte Technik-Heilslehren ins Spiel kommen, entstehen blinde Flecken - und die sind mit Blick auf die Demokratie problematisch."