Berlin (KNA) In Krankenhäusern kommt es unter Ärztinnen und Ärzten einer Umfrage zufolge regelmäßig zu Machtmissbrauch bis hin zu sexueller Belästigung. Dagegen wollen Kliniken, Ärzteschaft und Pflegesektor gemeinsam vorgehen. Am Mittwoch stellte ein Zusammenschluss von acht Organisatione ...
Berlin (KNA) In Krankenhäusern kommt es unter Ärztinnen und Ärzten einer Umfrage zufolge regelmäßig zu Machtmissbrauch bis hin zu sexueller Belästigung. Dagegen wollen Kliniken, Ärzteschaft und Pflegesektor gemeinsam vorgehen. Am Mittwoch stellte ein Zusammenschluss von acht Organisationen ein gemeinsames Leitbild vor. Ziel sei es, Rahmenbedingungen zu schaffen, "die Grenzüberschreitungen wirksam verhindern, Betroffene schützen und eine transparente und konsequente Aufarbeitung von Fehlverhalten ermöglichen".
Die Krankenhäuser hätten dem Thema zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, räumte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, ein. "Unser Ziel ist eine Arbeitskultur, in der Respekt selbstverständlich ist", so Gaß.
Zunächst müsse über die Krankenhausleitung das Thema in die Kliniken hineingetragen werden. Dann brauche es klare Prozesse, wie ein Vorfall anonym und vertraulich gemeldet werden könne und was daraus folge. Dazu gehörten auch Sanktionen. Je nach Fall könnten diese von Ermahnungen über Abmahnungen bis hin zur Kündigung oder strafrechtlichen Konsequenzen reichen. "Das darf keine Scheinveranstaltung sein", betonte Gaß.
Auf Basis des erarbeiteten Leitbilds soll ein Runder Tisch Maßnahmen und Instrumente entwickeln, darunter Schulungen, die in Kliniken implementiert werden. Dazu gehörten eine gute Personalauswahl ebenso wie die Evaluierung der bestehenden Meldestellen für Übergriffe in den Kliniken.
Gute fachliche Kenntnisse machten noch keine gute Führungskraft aus, sagte die Vorsitzende der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, Susanne Johna. Es gebe strukturelle Probleme und ein kultureller Wandel sei dringend nötig. Es habe sich ein "habituelles Schweigen zu so einem Fehlverhalten" etabliert, klagte Johna.
Die Geschäftsführerin des Deutschen Pflegerates, Christine Denk, bekräftigte, dass der Respekt unabhängig von Berufsgruppe und Position gelten müsse. Wenn am Arbeitsort eine Kultur der Angst herrsche und Mitarbeiter ihre fachliche Expertise nicht einbrächten, leide auch die Behandlung der Patienten darunter.
Der Marburger Bund hatte im Frühjahr eine Befragung zu Machtmissbrauch unter seinen Mitgliedern durchgeführt. Die Ergebnisse unter rund 9.000 angestellten Ärztinnen und Ärzten hätten gezeigt, dass Grenzüberschreitungen wiederholt auftreten und bei Betroffenen zu persönlichen wie beruflichen Belastungen führen. Von den Befragten arbeiteten 90 Prozent in Krankenhäusern.
Knapp die Hälfte der Befragten berichtete, in den vergangenen zwölf Monaten Machtmissbrauch durch ärztliche Beschäftigte, meist männliche ärztliche Vorgesetzte, erlebt zu haben. 13 Prozent berichteten von sexueller Belästigung im ärztlichen Arbeitsumfeld. Mehr als zwei Drittel der Befragten waren weiblich, rund die Hälfte 40 Jahre und jünger.
74 Prozent derjenigen, die Machtmissbrauch erlebten, machten laut Johna keine Meldung. Vielerorts seien die Meldestellen gar nicht bekannt. Häufigster Grund sei, dass die Betroffenen keine Veränderung erwarteten oder, so Gaß, zu Recht berufliche Nachteile befürchteten. Dies müsse sich dauerhaft ändern.