Traunstein (KNA) Im katholischen Studienseminar Sankt Michael im oberbayerischen Traunstein haben männliche Minderjährige zwischen 1960 und 1990 teils massive Gewalt erlebt. Das geht aus einer am Donnerstag präsentierten sozialwissenschaftlichen Aufarbeitungsstudie hervor. Als Strafe für Feh ...
Traunstein (KNA) Im katholischen Studienseminar Sankt Michael im oberbayerischen Traunstein haben männliche Minderjährige zwischen 1960 und 1990 teils massive Gewalt erlebt. Das geht aus einer am Donnerstag präsentierten sozialwissenschaftlichen Aufarbeitungsstudie hervor. Als Strafe für Fehlverhalten hätten Seminaristen Erbrochenes essen müssen. Selbstbefriedigung sei als Todsünde deklariert worden, was manche Buben in große Angst vor Hölle und Verdammnis versetzt habe. Staatliche wie kirchliche Heimaufsicht habe versagt.
Über den ganzen Untersuchungszeitraum hinweg seien Jungen von Präfekten oder Direktoren gedemütigt, unter Druck gesetzt, in ihrer Würde und ihrem Selbstwert beschädigt worden. Einige kämpften bis heute mit den Folgen der erlebten körperlichen, psychischen, spirituellen oder sexualisierten Gewalt. Diese habe sich nicht auf Einzelne beschränkt. Andererseits habe sie keinen systematischen Charakter gehabt.
Nicht wenige hätten ihre Zeit am Seminar positiv in Erinnerung. Anders als in vergleichbaren untersuchten Institutionen lägen für das Traunsteiner Seminar auch keine Berichte erlittener sexualisierter Gewalt über längere Zeiträume vor.
Das Internat ohne eigene Schule war 1929 mit dem vorrangigen Ziel gegründet worden, Priesternachwuchs aus dem ländlichen Süden und Osten Oberbayerns zu gewinnen.
Die Studie des Frankfurter Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik basiert auf qualitativen Interviews mit 34 ehemaligen Seminaristen und sechs ehemaligen Angestellten. Aus methodischen Gründen ist sie nicht repräsentativ und kann daher zum Ausmaß der Gewalt keine Aussage treffen.
Als Täter benannt worden seien vor allem Priester. Diese hätten geistliche Erziehungsideale wie Selbstdisziplin, Gehorsam und die Abwendung von weltlichen Einflüssen in Sankt Michael vehement durchgesetzt.
Als besonders zwiespältig hätten Seminaristen, denen der Glaube wichtig gewesen sei, dies erlebt: "Die Hand, die schlägt, ist wenige Augenblicke später die Hand, die den Segen spendet." Viele Interviewte hätten die Atmosphäre im Seminar als kalt, distanziert und wenig fürsorglich geschildert.
Die Sozialforscher halten fest, dass die an Leistung, Ordnung und Glauben orientierte Pädagogik sowie der Einsatz von Gewalt schon damals nicht alternativlos waren. "Es wäre auch anders möglich gewesen." Körperliche Züchtigung sei in den 1960er Jahren bereits kritisch diskutiert worden. Viel zu lange habe sich das Seminar gegen neue Erkenntnisse und Anregungen abgeschottet. "Wider besseres Wissen" seien bis 1982 nur pädagogisch unzureichend qualifizierte Priester Präfekt geworden.
Der Verwaltungschef des Erzbistums München und Freising, Generalvikar Christoph Klingan, bat die Betroffenen um Entschuldigung für das, was sie durch kirchliche Mitarbeiter erlitten hätten. Daran gebe es nichts zu beschönigen. Ausdrücklich verwies er auf die Studienergebnisse zum einstigen Präfekten, Direktor und späteren Weihbischof Engelbert Siebler. Wer den 2018 Verstorbenen gekannt habe, dessen Bild von ihm werde sich nun um "belastende Aspekte erweitern".
Die Studie war von der Trägerstiftung von Sankt Michael beauftragt und von der Erzdiözese bezahlt worden. Stiftungsdirektor Wolfgang Dinglreiter sagte, seit Bekanntwerden von Vorwürfen im Jahr 2020 sei es ihm ein Anliegen gewesen, mit den Betroffenen gemeinsam zu überlegen, wie die Geschehnisse aufgearbeitet werden könnten. Die Studie mache Leid sichtbar. "Wir erkennen es damit an", sagte Dinglreiter.
Heute verfüge sein Haus über ein Schutz- und Präventionskonzept. Zentral für das pädagogische Handeln sei die Stärkung jeder einzelnen Persönlichkeit, die Förderung eines positiven Selbstwertgefühls in einer von Respekt getragenen Atmosphäre. Autoritäten und Regeln würden kritisch hinterfragt. "Aktuell ist das Studienseminar ein völlig anderes Internat, nicht vergleichbar mit der Situation von damals."