Berlin (KNA) Die Pflegereform zur Stabilisierung der Finanzen ist dringend nötig. Darüber sind sich Experten, Verbände und Betroffene einig. Doch der nun vorliegende Gesetzentwurf enthält auch aus Sicht von Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) Aspekte, an denen nachgebessert wer ...
Berlin (KNA) Die Pflegereform zur Stabilisierung der Finanzen ist dringend nötig. Darüber sind sich Experten, Verbände und Betroffene einig. Doch der nun vorliegende Gesetzentwurf enthält auch aus Sicht von Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) Aspekte, an denen nachgebessert werden muss. "Wir wollen das System zielgenauer und gerechter machen, gleichzeitig müssen wir am Einsparvolumen festhalten", erklärte der Minister bei der Ersten Lesung des Pflegeneuordnungsgesetzes am Donnerstag im Bundestag.
Viele Betroffene treibe vor allem die Frage um, wie die konkreten Umstellungen beim Entlastungsbetrag und der Verhinderungspflege aussähen. "Zu Jahresbeginn darf es nicht zu harten Brüchen kommen. Wer Hilfe benötigt, wird sie auch in Zukunft bekommen", versprach Linnemann. Daher solle das Gesetz nachgebessert werden. Der Minister bekräftigte zudem, dass er die häusliche Pflege stärken wolle. Diese lasse sich nicht in nackten Zahlen bemessen und sei in jeder Familie anders.
Die Deutschen Stiftung Patientenschutz nannte den vorliegenden Gesetzentwurf "die größte Mogelpackung seit Bestehen der Pflegeversicherung". Tatsächlich wolle die Regierung gerade bei der häuslichen Pflege kürzen, etwa bei der Kurzzeit- und Verhinderungspflege. Auch sei die Umwandlung des Pflegegrads 1 unglaubwürdig. Das Parlament müsse dringend für Korrekturen sorgen.
Ähnlich äußerte sich der Paritätische Wohlfahrtsverband. Die geplanten Kürzungen des Entlastungsbetrags und bei der Verhinderungspflege müssten zurückgenommen werden. "Wer bei der häuslichen Pflege spart, sägt an dem Ast, auf dem das Pflegesystem sitzt", warnte die Vorstandsvorsitzende Katja Kipping.
Auch der Deutsche Landkreistag forderte deutliche Nachbesserung - insbesondere mit Blick auf die Unterstützung der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen. Der Vorstandsvorsitzende des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), Oliver Blatt, klagte, dass die Verteilung der Lasten ungerecht bleibe. Der Bund komme seiner Verantwortung nicht nach, die Corona-Schulden an die Pflegeversicherung zurückzuzahlen.
Der Gesetzentwurf, mit dem die Beiträge zur Pflegeversicherung vorerst stabil gehalten werden sollen, sieht unter anderem vor, den Beitragszuschlag für Kinderlose um 0,3 Prozent anzuheben und die Beitragsbemessungsgrenze - analog zur gesetzlichen Krankenversicherung - um 300 Euro hochzusetzen. Die Beitragsbemessungsgrenze ist die Höchstgrenze des Bruttogehalts, bis zu der Versicherte Beiträge in die Pflege- und Krankenversicherung zahlen.
Prävention und Frührehabilitation sollen künftig stärker genutzt werden. Die zunächst angedachten Rentenkürzungen für Pflegende werden nicht umgesetzt. Ab 2028 soll die kostenlose Mitversicherung von Ehepartnern eingeschränkt werden. Bleiben soll sie für Kinder, Eltern von Kindern unter zwölf Jahre und von Kindern mit Behinderungen, für Menschen mit pflegebedürftigen Angehörigen und im Regel-Rentenalter.
Der bisherige Entlastungsbetrag soll für den Pflegegrad 1 wegfallen und für alle anderen in ein sogenanntes Sozialraumbudget überführt werden. Es soll ausschließlich für Unterstützung im Alltag nutzbar sein, nicht für Leistungen ambulanter Pflegedienste. Die bislang bestehende Verhinderungspflege für pflegende Angehörige - bis zu 3.539 Euro für professionelle Ersatzpflege und maximal acht Wochen im Jahr - soll als eigenständige Leistung wegfallen. Stattdessen ist ein - geringeres - Überbrückungsbudget für Notfälle gedacht.
Das Gesetz hatte für harte Auseinandersetzungen in der Regierungskoalition gesorgt. Bis zum Tag der Kabinettsentscheidung war fraglich gewesen, ob überhaupt ein Beschluss gefasst würde. Union und SPD einigten sich dann darauf, besonders strittige Punkte auszuklammern und an eine Expertenkommission zu delegieren. Sie wurde Mitte Oktober eingesetzt und soll bis Ende Dezember konkrete Vorschläge für eine langfristige Strukturreform machen.