Bonn (KNA) Vor den geplanten bundesweiten Protesten Zehntausender junger Menschen am Samstag mahnen Forschende, deren Anliegen ernst zu nehmen. "Etwas Besseres kann den Regierungsparteien eigentlich kaum passieren: Junge Leute machen sichtbar, dass sie unzufrieden sind", sagte der Jugendforscher ...
Bonn (KNA) Vor den geplanten bundesweiten Protesten Zehntausender junger Menschen am Samstag mahnen Forschende, deren Anliegen ernst zu nehmen. "Etwas Besseres kann den Regierungsparteien eigentlich kaum passieren: Junge Leute machen sichtbar, dass sie unzufrieden sind", sagte der Jugendforscher Klaus Hurrelmann im Interview der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) bietet Gespräche an. Die Bundesschülerkonferenz erklärte, offen für Gespräche zu sein und die Perspektive junger Menschen einbringen zu wollen. Allerdings sei die Beteiligung oft noch ausbaufähig.
"Scheinbeteiligung ist bei Kindern und Jugendlichen ein großes Thema, weil man häufig einer Altershierarchie unterliegt", sagte die Generalsekretärin der Bundesschülerkonferenz, Amy Kirchhoff, im Interview der "Welt". "Die Anliegen von Schülerinnen und Schülern sind valide." Kinder und Jugendliche seien nicht egal und würden trotzdem zu oft übergangen. Die Bundesschülerkonferenz stehe vor allem für Schul- und Bildungspolitik ein. "Genau das werden wir betonen, wenn wir etwas Eigenes auf die Beine stellen."
Die Bundesschülerkonferenz plant eine eigene Demonstration für eine bessere Bildungspolitik am 20. November in Berlin und ruft zu den Jugendprotesten am Samstag nicht auf. Für den Tag sind laut der Internetseite der Initiative "Gen Z regelt" in über 30 Städten in Deutschland Demonstrationen "für Bildung, Gesundheit, Klimaschutz und ein bezahlbares Leben" geplant. Die Initiative schreibt selbst: "Unser Protest ist friedlich, ohne Ausnahme." In den vergangenen Tagen wurden Bedenken laut, die Proteste könnten ähnlich wie in Frankreich und Italien ausarten.
Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) sagte im Interview des "Stern", dass Deutschland eine geringe Jugendarbeitslosigkeit, ein leistungsfähiges Ausbildungssystem sowie ein niedrigschwelliges Universitätssystem, in dem man "ohne große Kosten" studieren könne, habe. Davon könnten andere Länder nur träumen. "Dennoch erkenne ich an, dass Reformprozesse zu langsam und mühsam sind. Das frustriert mich selbst oft genug."
Es müsse jetzt alles dafür getan werden, "die explodierenden Kosten für die soziale Sicherung in den Griff zu bekommen, ansonsten wird die junge Generation absehbar zu stark belastet", sagte Prien. Deshalb seien Renten-, Pflege- und Gesundheitsreform wichtig. Und: "Es ist an der Zeit, dass wir Boomer und die jetzigen Rentner Abstriche machen - zugunsten von Investitionen in die Jungen, vor allem in Bildung und in mehr Chancengerechtigkeit."
Mit Blick auf Sorgen wegen möglicher gewalttätiger Proteste betonte Prien: "Ich biete aber jedem, der friedlich ist, ein Gespräch an. Denn es gibt selbstverständlich die legitimen Anliegen der Jugendlichen, die immer weniger werden. Umso mehr will ich zuhören."
Sabrina Zajak, Protestforscherin an der Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin, kritisierte am Freitag im ZDF-Morgenmagazin, dass aus Spekulationen über Gewalt eine sich selbst erfüllende Prophezeiung werden könne. Hinzu komme, dass sich Schülerinnen und Schüler möglicherweise eingeschüchtert fühlten, für ihre Anliegen auf die Straße zu gehen und ein demokratisches Grundrecht wahrzunehmen.
Jugendforscher Hurrelmann sagte: "Wir haben lange beklagt, dass junge Menschen sich zu wenig beteiligen und sich von den Parteien entfremden." Wenn sie jetzt auf die Straße gehen wollten, dürfe die erste Reaktion der Politik nicht Abwehr sein. Ernst nehmen bedeute nicht, jeden Wunsch zu erfüllen, sondern zuzuhören und sich auseinanderzusetzen. "So könnten die Parteien der Mitte einen Zugang zu einer Generation zurückgewinnen, den sie erkennbar verloren haben", erklärte der Jugendforscher.