Berlin (KNA) Krankenkassen, Ärzte und Sozialverbände haben die von der Bundesregierung geplanten Verschärfungen bei der Krankschreibung von Arbeitnehmern heftig kritisiert. Die Bundesärztekammer erklärte, die telefonische Krankschreibung habe sich in der Praxis bewährt und sei nicht missbr ...
Berlin (KNA) Krankenkassen, Ärzte und Sozialverbände haben die von der Bundesregierung geplanten Verschärfungen bei der Krankschreibung von Arbeitnehmern heftig kritisiert.
Die Bundesärztekammer erklärte, die telefonische Krankschreibung habe sich in der Praxis bewährt und sei nicht missbraucht worden. Eine verpflichtende Arbeitsunfähigkeitserklärung am ersten Krankheitstag werde dafür sorgen, dass gerade in der Erkältungs- und Grippesaison die Wartezimmer weiter gefüllt würden und die Praxisteams, die schon jetzt an ihrer Kapazitätsgrenze arbeiteten, zusätzlich belastet würden. "Darüber hinaus ist es ein Affront, dass die Ärzteschaft nun unter den Generalverdacht gestellt wird, falsche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen auszustellen und ihr mit einer Verschärfung des Strafrechts gedroht wird."
Die schwarz-rote Koalition hatte am Mittwochabend beschlossen, die telefonische Krankschreibung abzuschaffen und eine verpflichtende Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ab dem ersten Tag einzuführen. Die Beschlüsse seien "absolut katastrophal", sagte der Vorsitzende des Hausärzteverbandes, Markus Blumenthal-Beier, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland am Donnerstag. "Auf unsere Praxen kommt damit eine riesige Bürokratiewelle zu, die kaum zu bewältigen sein wird", betonte er.
Der Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung sprach von einer "Zumutung, die an Unverschämtheit grenzt". Die Regierung wolle den niedergelassenen Ärzten offenbar noch mehr Bürokratie und Arbeit aufbürden, erklärten Andreas Gassen, Stephan Hofmeister und Sibylle Steiner. "Es grenzt an Irrsinn, abertausende Menschen zusätzlich in die Praxen zu jagen für das reine Ausfüllen von Zetteln. Wer hustet, eine Magen-Darm-Infektion hat, gehört ins Bett - und nicht in die übervolle Praxis."
Die Kinder- und Jugendärzte halten die geplante Abschaffung der telefonischen Krankschreibung für einen völlig falschen Schritt. Die Praxen seien an das System gewöhnt, es sei nicht ausgenutzt worden und Eltern hätten nicht wegen jeder Bagatellerkrankung zum Arzt gemusst, sagte der Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzt*innen, Jakob Maske, der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Berlin. "Es war ein super System."
Die Betriebskrankenkassen erklärten, mit einem Anteil von nur 0,85 Prozent mache die telefonische Krankschreibung einen verschwindend geringen Teil aller Krankschreibungen aus. "Sie ist also weder ein Freibrief für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer noch ein Treiber des Krankenstandes, sondern ein bewährtes Entlastungstool", erklärte Vorständin Anne-Kathrin Klemm. Die Neuregelung zur Krankschreibung widerspreche zudem Plänen von Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU), ein Primärarztsystem einzuführen. Ihr Vorhaben, eine bessere Patientensteuerung einzuführen, werde torpediert.
Der Sozialverband VdK kritisierte, die Beschlüsse zur Krankschreibung seien Ausdruck einer Misstrauenskultur: "Die Regierung unterstellt den Menschen wieder einmal, den Sozialstaat zum Blaumachen auszunutzen. Das ist nicht die Realität."
Hausärzte-Sprecher Blumenthal-Beier sagte, alle Statistiken und Untersuchungen belegten zweifelsfrei, dass die telefonische Krankschreibung nicht zu mehr Krankschreibungen geführt habe. Es handele sich nur um einen statistischen Effekt, weil durch die elektronische Erfassung mehr Krankschreibungen in der Statistik auftauchten, so der Verbandschef.
Die Krankschreibungspflicht ab Tag eins werde dazu führen, dass Millionen zusätzliche Menschen in die Arztpraxen kommen müssten, nur um sich eine Krankschreibung abzuholen - "ohne dass das medizinisch irgendeinen Sinn ergibt". Die Folgen seien längere Wartezeiten für die Patientinnen und Patienten, die wirklich medizinische Hilfe brauchten.
Ex-Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) distanzierte sich vom Beschluss einer verpflichtenden Krankschreibung ab Tag eins. "Ich hätte das nicht gemacht, aber die Betriebe können davon abweichen", sagt Lauterbach dem "Spiegel". Bislang ist eine ärztliche Bescheinigung erst ab dem vierten Tag vorgeschrieben.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) erklärte allerdings nach dem Koalitionsausschuss, dass Betriebe von der Pflicht zur schnellen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung abweichen können sollen. Möglich wären demnach Ausnahmen durch einzelvertragliche Vereinbarungen, Betriebsvereinbarungen oder Tarifverträge.