Nairobi/Bonn (KNA) Die UNO sieht kaum Chancen, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Dieser Wert werde zumindest vorübergehend überschritten, heißt es in einem am Mittwoch in Nairobi veröffentlichten Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP). Die Welt befinde sich derz ...
Nairobi/Bonn (KNA) Die UNO sieht kaum Chancen, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Dieser Wert werde zumindest vorübergehend überschritten, heißt es in einem am Mittwoch in Nairobi veröffentlichten Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP).
Die Welt befinde sich derzeit auf dem Weg zu einer Erderwärmung von 2,6 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit, heißt es. Das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens von 2015 sei nur dann noch erreichbar, wenn die globale Durchschnittstemperatur nach einem zwischenzeitlichen Überschreiten dieses Limits wieder abgesenkt werden könne.
Es müsse darum gehen, die Überschreitung so gering und die Rückkehr unter die 1,5-Grad-Marke so schnell wie möglich zu gestalten, erklärte UN-Generalsekretär António Guterres. Der Bericht erwartet selbst bei einem optimistischen Szenario - bei Umsetzung aller nationalen Klimapläne - einen Temperaturanstieg von 1,8 Grad. In der Realität stiegen die CO2-Emissionen aber weiterhin und hätten nach der Corona-Pandemie Jahr für Jahr immer neue Höchstwerte erreicht.
"Aktuell deutet vieles darauf hin, dass die 1,5-Grad-Grenze bereits in den kommenden Jahren dauerhaft überschritten wird", heißt es in der Studie. "Um bis zum Ende des Jahrhunderts die Temperatur wieder unter dieses Niveau zu senken, wird es notwendig sein, CO2 wieder aus der Atmosphäre zu entfernen und zu speichern." Dies könnte etwa durch Wiederherstellung von Ökosystemen, Aufforstung, Bindung von Kohlenstoff in Böden oder technische Verfahren umgesetzt werden.
Aktuelle Prognosen sehen allerdings nach Erkenntnissen der UN-Organisation eine wachsende Lücke zwischen notwendiger und tatsächlich realisierter CO2-Entnahme. Zugleich weist UNEP darauf hin, dass auch ein nur temporäres Überschreiten der 1,5-Grad-Grenze zu nicht oder nur schwer umkehrbaren Folgen im Klimasystem der Erde führen könnte - mit kaum absehbaren Konsequenzen für Ökosysteme und menschliche Gesellschaften. Beim Pariser Klimaabkommen hatte sich die Weltgemeinschaft 2015 darauf verständigt, den globalen Temperaturanstieg auf deutlich unter 2 Grad Celsius, möglichst aber auf 1,5 Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter, zu begrenzen.
Der Leipziger Klimaforscher Peter Pfleiderer zeigte sich skeptisch, was die Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre angeht. Das sei extrem aufwändig. Es sei bisher nicht klar, wie das in einem großen Maßstab umgesetzt werden könnte, erklärte er in einem Beitrag für das Science Media Center in Köln. Völlig unklar sei außerdem, wann Kipppunkte einträten und wie verheerend sie sind. Es sehr wichtig, dass die globale Mitteltemperatur nicht lange über der 1,5-Grad-Marke bleibe und nicht zu hoch ansteige.
"Klimaschutz wird von Regierungen aktuell nicht ansatzweise ernst genug genommen", so der Meteorologe. "Andererseits passieren manche Veränderungen - wie zum Beispiel der Ausbau von Photovoltaik und Batteriespeichern - in manchen Regionen schneller, als vor einigen Jahren angenommen wurde." Deshalb wolle er nicht ausschließen, dass "große und radikale Veränderungen die Minderung der Treibhausgasemissionen dermaßen beschleunigen können, dass wir das Netto-Null-Emissionsziel bald erreichen könnten."
Der Leiter des Forschungsclusters Klimapolitik der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, Oliver Geden, sagte, das Konzept der Rückkehr zu den 1,5 Grad könnte in Politik und Gesellschaft als Signal missverstanden werden, "dass wir erst einmal so weiter machen können, und dass kommende Generation die Temperaturkurve dann schon wieder zurückbiegen können. Das wäre grob fahrlässig." Wenn die globalen Emissionen netto negativ werden sollten, müssten die Industrieländer dabei vorangehen, betonte er.
Die Potsdamer Klimaökonomin Sabine Fuss betonte, dass ein Überschreiten der 1,5-Grad-Grenze nicht auf die leichte Schulter genommen werden dürfe. Ein Overshoot und eine spätere Rückkehr unter dieses Limit führten nicht einfach wieder zurück in eine Welt, die das Temperaturniveau nie überschritten habe, sagte sie. Manche Veränderungen könnten sich teilweise zurückbilden, andere reagierten erst nach Jahrhunderten, und einige Schäden seien unumkehrbar, betonte sie unter Verweis auf den Meeresspiegelanstieg, das Aussterben von Arten oder Verluste sensibler Ökosysteme.
Die Potsdamer Klimaökologin Charlotte Unger erklärte, wenn die Menschen auch nur halbwegs in einer ähnlichen Welt leben wollte wie heute, gehe das nur mit ganz enormem technologischem Aufwand und "mit einer - höchst riskanten, unsicheren - Wette auf die Zukunft". Dabei sei jedes Hundertstel Grad Temperaturanstieg, das vermieden werden könne, immens wichtig. Der Klimawandel werde zu einer weit ungerechteren Welt führen als heute.