Berlin/Zürich (KNA) Viele Menschen haben eine falsche Vorstellung von einer hochfunktionalen Depression. Das erklärte der Zürcher Psychiater Erich Seifritz im Interview mit der "Welt" (Dienstag). Deswegen bleibe sie so lange unerkannt. Betroffene einer hochfunktionalen Depression könnten zur ...
Berlin/Zürich (KNA) Viele Menschen haben eine falsche Vorstellung von einer hochfunktionalen Depression. Das erklärte der Zürcher Psychiater Erich Seifritz im Interview mit der "Welt" (Dienstag). Deswegen bleibe sie so lange unerkannt. Betroffene einer hochfunktionalen Depression könnten zur Arbeit gehen und funktionieren, so der Direktor und Chefarzt der Erwachsenenpsychiatrie und Psychotherapie der Psychiatrischen Universitätsklinik.
Dass sie unter einer behandelbaren Erkrankung leiden, werde erst Jahre später offenbar und habe gesundheitliche Folgen, sagte der Psychiater. Eine hochfunktionale Depression habe Ähnlichkeiten mit einem Burn-out. Beide können sich nach seiner Erkenntnis zu schweren Depressionen entwickeln.
Wer sich immer zusammennehme, könne das irgendwann nicht mehr aufrechterhalten, konstatierte Erich Seyfritz. "In meiner Praxis sehe ich sogenannte hochfunktionale Depressionen vor allem bei Menschen in akademischen Berufen."
Wenn man sich nicht mehr an Dingen freue, die früher Spaß gemacht haben, schnell gereizt sei oder sich zurückziehe, dann sollte man an eine hochfunktionale Depression denken, erklärte Seyfritz. Vor allem wenn noch Schlafstörungen, chronische Müdigkeit oder verlängerte Erholungszeiten hinzukämen.
Der Psychiater sagte, in alten Filmen werde das gut gezeigt. "Man bricht zusammen, sobald man zu Hause ist. Die Traurigkeit und Leere holen einen ein, wenn die Fassade nicht mehr aufrechterhalten werden muss." Das tägliche Ineinanderfallen nach der Arbeit sei typisch und enorm anstrengend.
Der eigentliche Test sei die eigene Dünnhäutigkeit. "Wann habe ich zuletzt etwas unternommen, das nichts mit Arbeit zu tun hat?" Wer bei dieser Fragen merke, dass sich das Leben verändert habe, der sollte zum Hausarzt gehen und darüber reden, empfiehlt der Fachmann. Das sei der erste und wichtigste Schritt.