Weinheim (KNA) Die Pornoschwemme im Internet erhöht nach Einschätzung einer Expertin das Risiko für sexuelle Übergriffe unter Jugendlichen. Jugendliche adaptierten zunehmend das Verhalten von Pornodarstellern, erklärte Alena Mess, Diplom-Sozialpädagogin und Präventionsexpertin, am Diensta ...
Weinheim (KNA) Die Pornoschwemme im Internet erhöht nach Einschätzung einer Expertin das Risiko für sexuelle Übergriffe unter Jugendlichen. Jugendliche adaptierten zunehmend das Verhalten von Pornodarstellern, erklärte Alena Mess, Diplom-Sozialpädagogin und Präventionsexpertin, am Dienstagabend bei einer Veranstaltung der Zeitschrift "Psychologie heute".
Mess ist als Sachverständige für das Familiengericht tätig und arbeitet als Referentin im Bereich Kinderpornografie und sexualisierte Gewalt für die Polizei sowie an Schulen, in Kitas und in der Kinder- und Jugendhilfe.
Viele Jugendliche konsumierten bereits mit 12 oder 13 Jahren über das Internet regelmäßig Pornos. Dies habe zu einem extrem veränderten Sexualverhalten geführt, so Mess. "Bei den Jungs führt es zu Grenzüberschreitungen", sagte sie. Sie glaubten, sie müssten so performen wie der Pornodarsteller.
"Mädchen dagegen hören nicht mehr auf die eigenen Bedürfnisse. Sie lernen durch solche Filme, in der Sexualität funktionieren zu müssen." Dies erhöhe das Risiko für Übergriffe. "Pornos sind ab 18 Jahren erlaubt, nicht ab 14. Viele Jugendliche wissen das nicht", stellte Mess klar.
Zudem führe es dazu, dass Jugendliche sich vermehrt selbst beim Sex aufnehmen. Solche Filme landeten unter Umständen dann im Klassenchat, was wiederum die Gefahr für Mobbing und Sextortion - Erpressung mit den Aufnahmen - erhöhe.
Erschreckend sei auch, wie abgeklärt Jugendliche bei diesen Themen seien. "Die haben mit 15 Dinge gesehen, die sie ganz normal finden." Sie seien regelrecht abgestumpft, so Mess.
Eltern empfiehlt sie, mit den Teenagern offen zu reden und Sexualität nicht zu tabuisieren. "Man sollte ihnen klar machen, dass sie nichts tun sollten, bei dem sie ein Störgefühl haben, nur weil es angeblich alle machen." Um dem Gruppenzwang zu widerstehen, sei es ganz wesentlich, ein gutes Selbstwertgefühl zu vermitteln.
Dies senke auch das Risiko, etwa Opfer von Cybergrooming zu werden, also der Anbahnung von sexualisierten Kontakten durch Erwachsene im Netz.
Die Täter seien so erfolgreich, weil die Jugendlichen von heute ein großes Bedürfnis hätten, "bewertet zu werden". Durch Komplimente seien sie leicht zu erreichen und zu überzeugen, etwa Nacktfotos von sich zu verschicken.
Eltern sollten ihren Kindern vermitteln, welche Risiken damit behaftet seien - auch beim sogenannten Sexting, wenn der eigene Freund um ein solches Foto gebeten habe, so die Pädagogin. Auch dieses Bild könne ungefragt im Netz verbreitet werden.
Eltern sollten ihre Kinder darüber aufklären, dass sie Liebe und Anerkennung anders teilen könnten als über Fotos, Videos und Selbstdarstellungen, mahnte die Expertin.
Zudem sei es wichtig, gewisse "Geländer" einzuziehen, wenn Jugendliche im Netz unterwegs seien, sagte sie. "Ich muss das Gefühl haben, dass mein Kind das Internet verstanden hat." So sollten die Teenager etwa nur mit Menschen chatten, die sie persönlich kennen, und ihr Profil nicht für alle sichtbar freischalten. Wichtig sei auch, sich etwa im Netz nicht zu sexy zu präsentieren - etwa ein Tanz-Video online zu stellen. "Das zieht Täter an", so Mess.